Selbst mein Vater hat mich darauf angesprochen. „Hast Du gehört, das Elektroauto aus den Nachrichten, da standen die Leute Schlange um eins zu bestellen!“ Ich war verblüfft. Mein Vater sorgt sich um Schlangen vor amerikanischen Car-Stores, wo Menschen 1.000 Euro für eine Reservierung vorab zahlen (bzw. in Wahrheit Tesla einen Kredit geben) um irgendwann einmal ein bislang völlig unbekanntes Auto zu bekommen. Ohne Alltagstest.

Was werde ich meinem ungeborenen Jungen wohl einmal erzählen, wenn er aus der Schule kommt und etwas über die verrückten Stinke-Verbrennungsmotoren von damals erfahren will? „Papa, Du bist da ja dabei gewesen?!“

Vielleicht erzähle ich ihm von meiner ersten Ganztages-Elektro-Probefahrt wenige Wochen vor seiner Geburt… Am Freitag bot sich die wunderbare Gelegenheit, eine hochgelobte Elektro-Karre einmal im Alltag Probe zu fahren. In diesem Fall einem BMW i3.

Um es mir zu merken habe ich die Chronologie des Rumstromerns einmal kurz zusammengefasst:

7.30 Uhr: Aufgeregt. Elektro, Öko, Zukunft. Ganz was neues. Das wird super. Wie wird wohl mein Fazit am Ende des Tages aussehen?

8.15 Uhr: Der Verkäufer führt den Wagen vor.

Ich finde: Der BMW i3 sieht außen wie eine Knutschkugel und innen etwas „abgespact“ aus.

Der Verkäufer findet: „Die fantastische Beschleunigung! Die Leichtbauweise! Die Innovation!“ Er hat leuchtende Augen. Und erklärt mir die Fahrmodi Comfort, Eco, Eco Pro+. Die mich später noch intensiver beschäftigen werden als ich jetzt vermute.

Ich finde: Prima, damit will ich heute 140 km fahren.

Er findet: Erstmal nichts. Zieht die Augenbrauen hoch. Sagt immer noch nichts. Und zeigt mir den „Range Extender“. Der Reichweiten-Verlängerer, von dem ich nicht wusste, dass es ihn gibt. Dieser hält den Ladezustand noch ein Stück stabil und kann ab 75% Ladekapazität eingesetzt werden. Bringt noch einmal rund 90 km mehr.

8.45 Uhr, Kilometer 0: Losfahren. Wahnsinn. Geräuschlos auf der Straße. Kein Motorengeräusch. Fährt sich wie ein normales Auto. Nur Strom! Ich fühle mich total innovativ. Und vermisse nichts.

8:50 Uhr, km 5: Segeln. Das Radio bleibt aus. Die Ruhe, was für eine Ruhe! Und ja, ich segel schon. Beim Einsteigen erklärte der BMW-Berater, dass das Auto nicht wirklich rollt, sondern es segelt. Den Fuß leicht vom Gas genommen, segelt das Auto die Landstraße entlang und verbraucht wenig Energie. Achso, und die Ruhe ist immer noch faszinierend.

9.00 Uhr, km 12: Kurzer Supermarkt-Stopp. Eine Frau läuft mit Krücken auf dem Parkplatz fast vors Auto. Das weiß sie aber bis heute nicht. Sie hat mich weder kommen noch vorbeifahren hören.

9:15 Uhr, km 15: Ab auf die Autobahn. Die Beschleunigung ist wirklich super. Mit dem Elektroauto zwischen all den Verbrennungsmotor-Fahrern. Das ist wirklich innovativ. Die beneiden mich alle! Wenn mein Sohn den Führerschein macht, sieht das bestimmt umgedreht aus.

9:15 Uhr, km 20: Immer mehr beschäftigt mich die Ladeanzeige – die geht im deutschen Autobahntempo nämlich zügig runter. Aber soll mich noch nicht stören.

9.40 Uhr, km 50: Hm, die Ladeanzeige. Ich fahre den i3 mal besser im Eco Pro+ Modus. Ohne Klimatisierung, stromsparend, Tempolimit auf 90 km/h. Trotz Autobahn. Komme ich wirklich hin und zurück?

9:50 Uhr, km 60: Fühle mich wie beim Smartphone vor einem wichtigen Anruf wenn der Akku sich dem Ende zuneigt und keine Steckdose in Sicht ist.  Die Autobahn hat Energie gekostet. 47,5% Batterie, aber noch nicht einmal die halbe Strecke geschafft. Schalten wir mal besser den Reichweiten-Verlängerer zu.

i3 0

10.20 Uhr, km 71: Angekommen. Hat Spaß gemacht, aber ich denke schon wieder an die Batterie. 38 %. Ich hätte jetzt gern eine Tankstelle.

15 Uhr: Rückfahrt. 38 %. Mit Range Extender und Eco Pro + sollte es aber zurück reichen. Unterwegs sehe ich ganz viele Tankstellen. Ach wäre das jetzt schön. Aber bringt ja nix.

15.30 Uhr, km 110: Ich fühle mich zwar immer noch innovativ. Mit 90 auf der Autobahn zwischen vorbeirasenden Verbrennungsmotor-Fahrern. Die einfach mal schnell an die Tanke können. Ich beneide sie.

16.30 Uhr, km 142. Mein Fazit: Gut zurück gekommen. Die Elektro-Mobilität ist wirklich faszinierend. Ganz normale Autos mit einem völlig neuen Antrieb, ganz ohne Benzin oder Diesel, die heute bereits vollumfänglich straßentauglich sind. Es funktioniert und macht großen Spaß. Wenn nicht die Sache mit der Reichweite wäre und damit die Alltagstauglichkeit außerhalb des Stadtverkehrs deutlich einschränkt. „Das Nokia musste man damals auch nur einmal die Woche aufgeladen werden. Heute beim Smartphone machen wir das wie selbstverständlich täglich.“ So sehr ich diesen Vergleich des BMW-Verkäufers mag, so sehr mag ich ihn nach diesem einem Tag Probefahrt auch wieder nicht. Für Kurzstrecken super, wenn ausreichend Lademöglichkeiten und Zeit (z.B. über Nacht) vorhanden sind. Für Langstrecken-Fahrer eher ferne Zukunftsmusik, es  fehlt einfach die (schnelle) Möglichkeit zum Nachtanken. Ich bin gespannt, wie sich das Thema E-Mobilität entwickeln wird und freue mich, wieder in meinem Diesel-BMW zu sitzen, Sitzheizung und Klimatisierung anzumachen und ohne mir über Reichweite Gedanken zu machen.

 

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